Während meines Seminars zum Thema Umweltmedizin wurde erneut deutlich, wie vielen Belastungen unser Körper täglich ausgesetzt ist, oft ohne dass wir sie unmittelbar wahrnehmen. Ein Beispiel dafür ist die Luft in Flugzeugkabinen.
Beim Fliegen denken wir an Ferien und Erholung. Nur wenige Menschen beschäftigen sich damit, welche Stoffe sie während eines Fluges einatmen und wie gut ihre körpereigenen Schutzbarrieren zu diesem Zeitpunkt funktionieren.
Dabei spielt insbesondere der Zustand unserer Schleimhäute hier eine entscheidende Rolle.
Welche Belastungen entstehen während einer Flugreise?
Bei den meisten Verkehrsflugzeugen wird ein Teil der Kabinenluft als sogenannte Bleed Air aus dem Triebwerksbereich entnommen. Dabei können Bestandteile vom Triebwerköl, Hydraulikflüssigkeiten und deren thermische Abbauprodukte in die Kabinenluft gelangen.
Zu den nachgewiesenen und diskutierten Stoffgruppen gehören unter anderem:
- Trikresylphosphate und andere Organophosphate
- flüchtige organische Verbindungen
- Aldehyde
- Kohlenmonoxid
- ultrafeine Partikel
- thermische Zersetzungsprodukte von Ölen und technischen Flüssigkeiten
Wir nehmen dabei nicht nur einen einzelnen Stoff auf. Es handelt sich vielmehr um ein komplexes Gemisch verschiedener chemischer Substanzen und feinster Partikel.
Eine bekannte Ausnahme ist die Boeing 787 Dreamliner. Sie nutzt für die Versorgung der Kabine keine klassische Bleed Air aus den Triebwerken, sondern elektrisch betriebene Luftkompressoren. Dadurch wird die Kabinenluft von Triebwerksölen und anderen Stoffen verschont.
Eine 2023 in der Fachzeitschrift Environmental Health veröffentlichte Arbeit, beschäftigte sich ausführlich mit den gesundheitlichen Folgen kontaminierter Flugzeugluft. Die Autoren beschreiben mögliche akute und länger anhaltende neurologische, respiratorische, kognitive und weitere Beschwerden. Dazu zählen unter anderem Schleimhautreizungen, Kopfschmerzen, Schwindel, Konzentrationsprobleme, ausgeprägte Müdigkeit, Kribbeln und Muskelschwäche.
Die Belastung betrifft dabei zuerst jene Körperoberflächen, die unmittelbar mit der eingeatmeten Luft in Kontakt kommen, nämlich unsere Schleimhäute.
Unsere Schleimhäute sind sehr viel wichtiger als wir denken
Die Schleimhäute in Nase, Mund, Rachen und Atemwegen bilden eine wichtige Grenze zwischen unserem Körper und der Aussenwelt.
Die Schleimschicht bindet eingeatmete Staubteilchen, Allergene, Krankheitserreger und einen Teil der Schadstoffe. Die darunterliegenden Flimmerhärchen bewegen den belasteten Schleim kontinuierlich in Richtung Rachen, wo er abgehustet oder geschluckt wird.
Dieser Selbstreinigungsmechanismus wird als mukoziliäre Clearance bezeichnet. Er gehört zu den wichtigsten angeborenen Schutzmechanismen unserer Atemwege.
Damit dieses System funktioniert, muss die Schleimhaut ausreichend feucht sein. Der Schleim darf weder zu dünn noch zu zäh sein und auch die Flimmerhärchen benötigen eine gut befeuchtete Umgebung, damit sie sich frei bewegen können.
Trockene Kabinenluft schwächt die Schutzbarriere
Während eines Fluges ist die Luftfeuchtigkeit in der Kabine häufig sehr niedrig. Die trockene Luft entzieht den Schleimhäuten Wasser. Nase, Augen, Mund und Rachen können sich bereits nach kurzer Zeit trocken, gereizt oder brennend anfühlen.
Die Austrocknung verändert jedoch nicht nur das persönliche Empfinden, sie kann auch die Funktion der Schleimhaut massiv beeinträchtigen. Der Schleim wird zäher, die Flimmerhärchen arbeiten weniger effizient und der Abtransport eingeatmeter Partikel verlangsamt sich.
Das bedeutet, dass ausgerechnet in einer Umgebung, in der wir verschiedenen Partikeln und chemischen Substanzen ausgesetzt sind, gleichzeitig einer unserer wichtigsten natürlichen Schutzmechanismen geschwächt wird.
Die Wichtigkeit der Schleimhautpflege
Wir pflegen unser Haut mit den unterschiedlichsten Mittelchen, die Schleimhaut jedoch vergessen wir oft komplett.
In meiner Praxis beobachte ich häufig, dass Schleimhäute nicht mehr ausreichend intakt oder befeuchtet sind.
Mögliche Hinweise darauf sind beispielsweise:
- eine dauerhaft trockene oder brennende Nase
- häufiges Räuspern
- trockener Mund
- ein Fremdkörpergefühl im Hals
- gereizte oder tränende Augen
- häufiges Nasenbluten
- wiederkehrende Infekte
- zäher Schleim
- häufig verstopfte Nebenhöhlen
- empfindliche Schleimhäute im Verdauungs- oder Intimbereich
- Magenschmerzen
- Verstopfung
- U.v.m.
Viele Betroffene haben sich an diese Beschwerden gewöhnt und nehmen sie kaum noch als Hinweis auf eine geschwächte Barriere wahr.
Trockene Raumluft, chronische Entzündungen, Allergien, Mundatmung, Rauchen, bestimmte Medikamente, hormonelle Veränderungen, anhaltender Stress und eine nicht optimale Nährstoffversorgung können die Schleimhautfunktion zusätzlich beeinflussen.
Kommt zu einer bereits beeinträchtigten Schleimhaut, bspw. die sehr trockene Flugzeugluft hinzu, kann die lokale Schutzfunktion weiter abnehmen. Schadstoffe und Partikel werden möglicherweise weniger effizient gebunden und abtransportiert.
Eine gute Schleimhautpflege verhindert natürlich die Belastung selbst nicht. Sie kann den Körper aber dabei unterstützen, seine natürliche Barriere- und Reinigungsfunktion möglichst gut aufrechtzuerhalten.
Was kann man vor einer Flugreise tun?
Es ist sinnvoll, nicht erst im Flugzeug mit der Schleimhautpflege zu beginnen. Besonders bei bereits trockenen oder empfindlichen Schleimhäuten, sollte bereits einige Tage vorher mit einer regelmässigen Befeuchtung begonnen werden.
Isotonisches Kochsalzspray
Ein isotones Kochsalz-Nasenspray befeuchtet die Nasenschleimhaut, ohne sie medikamentös abzuschwellen.
Nasenspray oder Nasengel mit Hyaluronsäure
Hyaluronsäure kann Wasser binden und die Schleimhaut länger befeuchten. In einer randomisierten Untersuchung verbesserten sowohl isotone Kochsalzsprays als auch Präparate mit Hyaluronsäure beziehungsweise Hyaluronsäure und Dexpanthenol, Beschwerden bei trockener Nasenschleimhaut.
Dexpanthenol zur Pflege
Dexpanthenol wird zur Pflege gereizter und trockener Schleimhäute eingesetzt. Besonders bei kleinen Krusten, Spannungsgefühl oder einer empfindlichen Nasenschleimhaut kann ein entsprechendes Nasengel oder eine Nasensalbe hilfreich sein.
Bitte keine stark fetthaltigen Produkte oder ätherische Öle in die Nase einbringen. Dies kann zusätzlich reizen. Für die regelmässige Anwendung eignen sich Produkte, die ausdrücklich für die Nasenschleimhaut vorgesehen sind.
Was hilft während des Fluges?
Die Schleimhaut regelmässig befeuchten
Ein isotones Kochsalzspray kann während des Flugs wiederholt verwendet werden. Bei längeren Flügen lässt sich die Pflege mit einem Nasengel ergänzen.
Regelmässig trinken
Ausreichendes Trinken ersetzt die lokale Befeuchtung der Nasenschleimhaut nicht, unterstützt aber den allgemeinen Flüssigkeitshaushalt. Alkohol kann die Trockenheit zusätzlich verstärken und sollte insbesondere bei langen Flügen nur zurückhaltend konsumiert werden.
Möglichst durch die Nase atmen
Die Nase filtert, erwärmt und befeuchtet die eingeatmete Luft. Bei der Mundatmung gelangen Luft, Partikel und Reizstoffe weitgehend ungefiltert in Rachen und tiefere Atemwege. Eine freie Nasenatmung ist daher ein wichtiger Teil des natürlichen Schutzsystems.
Den Luftstrom nicht direkt ins Gesicht richten
Der starke Luftstrom aus der Belüftungsdüse kann Augen und Nasenschleimhaut zusätzlich austrocknen. Die Düse kann so eingestellt werden, dass die Luft nicht dauerhaft direkt auf das Gesicht trifft.
Was kann man nach dem Flug tun?
Nach der Reise kann die Schleimhautpflege noch einige Tage weitergeführt werden.
Eine Nasenspülung mit einer körperwarmen Kochsalzlösung kann dabei helfen, Schleim, Staub, Allergene und abgelagerte Partikel mechanisch aus der Nase zu entfernen.
Für Nasenspülungen darf nur
- steriles Wasser,
- destilliertes Wasser oder
- zuvor abgekochtes und wieder abgekühltes Wasser
verwendet werden. Unbehandeltes Leitungswasser ist für eine Nasenspülung nicht geeignet.
Auch ausreichender Schlaf, frische Luft und eine gute Flüssigkeitszufuhr unterstützen den Körper nach einer anstrengenden Reise.
Schleimhautschutz beginnt nicht erst im Flugzeug
Eine Flugreise macht häufig sichtbar, was vorher bereits vorhanden war, nämlich eine trockene, gereizte oder nicht ausreichend widerstandsfähige Schleimhaut.
Deshalb geht es langfristig nicht nur darum, vor dem Flug einen Nasenspray einzupacken. Viel sinnvoller ist es, mögliche Hintergründe einer gestörten Schleimhautfunktion zu betrachten:
- Besteht eine chronische Entzündung?
- Liegt eine Allergie oder eine dauerhafte Nasenatmungsbehinderung vor?
- Spielen Medikamente oder hormonelle Veränderungen eine Rolle?
- Ist die Nährstoff- und Eiweissversorgung ausreichend?
- Sind auch die Darm- oder Intimschleimhäute von dieser Trockenheit betroffen?
- Bestehen chronischer Stress oder Schlafmangel?
- Gibt es regelmässige Belastungen durch Rauch, Lösungsmittel, Duftstoffe oder andere Umweltfaktoren?
Der Zustand der Schleimhäute kann wichtige Hinweise darauf geben, wie gut der Körper nach aussen abgegrenzt ist und wie widerstandsfähig seine natürlichen Barrieren sind.
Beim Thema Umweltmedizin geht es also nicht nur darum, Belastungen zu erkennen und wo möglich zu eliminieren, es geht auch darum, die eigenen Barrieren so zu unterstützen, dass der Körper möglichst gut mit diesen Belastungen umgehen kann.
Wenn du häufig unter trockenen, gereizten oder empfindlichen Schleimhäuten leidest oder deinen Körper vor und nach Flugreisen gezielt unterstützen möchtest, entwickeln wir gemeinsam deinen individuellen Therapieplan. Vereinbare dafür gerne einen Termin in meiner Praxis.
Studien
Burdon J. et al.: Health consequences of exposure to aircraft contaminated air and fume events: a narrative review and medical protocol for the investigation of exposed aircrew and passengers. Environmental Health, 2023;22:43.
Salah B. et al.: Nasal mucociliary transport in healthy subjects is slower when breathing dry air. European Respiratory Journal, 1988.
Nagda N. L., Hodgson M.: Low relative humidity and aircraft cabin air quality. Indoor Air, 2001.
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