Viele Menschen kommen in meine Praxis, weil sie das Gefühl haben, ihr Immunsystem funktioniere nicht mehr richtig. Häufig erzählen sie mir alle ähnliche Geschichten:
„Seit Monaten habe ich immer wieder Infekte.“
„Ich bin ständig erkältet, obwohl ich doch gesund lebe.“
„Früher war ich fast nie krank und jetzt mache ich bei jedem Infekt mit.“
Es können wiederkehrende Erkältungen sein, manchmal sind es auch solche, die sich lange hinziehen und bei welchen die Erholung ungewöhnlich lange dauert. Auch die wochenlang anhaltende Erschöpfung nach jeder Krankheit ist immer wieder Thema.
Die Frage, die sich viele stellen, ist also absolut verständlich:
Warum reagiert mein Körper plötzlich so?
Das Immunsystem wird oft als etwas betrachtet, das entweder stark oder dann eben schwach ist. In der Realität ist es jedoch deutlich komplexer. Es handelt sich um ein fein abgestimmtes Netzwerk aus Zellen, Botenstoffen und verschiedenen Körpersystemen. Genau deshalb lohnt es sich, genauer hinzuschauen und dafür braucht es ein wenig biochemisches Verständnis.
Wie unser Immunsystem eigentlich arbeitet
Das Immunsystem ist kein einzelnes Organ, sondern ein komplexes System, das im gesamten Körper verteilt ist.
Es umfasst unter anderem:
- Immunzellen im Blut und im Gewebe
- das lymphatische System
- Knochenmark
- Milz
- Schleimhäute
- grosse Teile des Darms
Seine Aufgabe besteht darin, den Körper vor Krankheitserregern zu schützen und gleichzeitig körpereigene Strukturen zu erkennen. Damit das funktioniert, arbeitet das Immunsystem auf mehreren Ebenen.
Die erste Verteidigungslinie sind Haut und Schleimhäute
Unsere Haut und die Schleimhäute bilden die erste Schutzbarriere gegen Krankheitserreger. Gerade die Schleimhäute, sind immunologisch sehr aktiv. Sie enthalten zahlreiche Immunzellen und produzieren Abwehrstoffe, die Keime bereits früh abfangen können. In meiner Praxis fällt häufig auf, dass Menschen mit wiederkehrenden Infekten oft auch empfindliche Schleimhäute haben.
Dazu gehören zum Beispiel:
- trockene Nasenschleimhäute
- häufige Nasennebenhöhlenprobleme
- empfindliche Atemwege
- wiederkehrende Reizungen im Halsbereich
- Magenschmerzen und Tendenz zu Verstopfung
- Trockene Augen bis hin zu Linsenunverträglichkeiten
Das angeborene Immunsystem ist für die Abwehr zuständig
Dringen Krankheitserreger trotz aller Schutzmechanismen in den Körper ein, reagiert zunächst das sogenannte angeborene Immunsystem. Oft kommt es gar nicht so weit, das wir davon überhaupt etwas mitbekommen. Viele Erreger können durch diesen Teil des Immunsystems effektiv eliminiert werden.
Zu dieser ersten Reaktion gehören unter anderem:
- Fresszellen, die Makrophagen
- natürliche Killerzellen
- entzündungsfördernde Botenstoffe
Diese Reaktionen laufen sehr schnell ab und führen häufig zu einer Entzündungsreaktion. Viele Menschen verbinden Entzündungen automatisch mit etwas Negativem. Tatsächlich sind sie jedoch ein zentraler Bestandteil unserer Abwehr. Ohne Entzündungsreaktion könnte der Körper Krankheitserreger nicht effektiv bekämpfen.
Das immunologische Gedächtnis
Parallel dazu wird das sogenannte spezifische Immunsystem aktiviert. Hier spielen T-Zellen und B-Zellen eine wichtige Rolle. Sie können sehr gezielt auf bestimmte Krankheitserreger reagieren und bilden, auf der Basis ihrer lebenslangen Erfahrung, ein immunologisches Gedächtnis. Das bedeutet konkret, wenn der Körper einen Erreger einmal kennengelernt hat, kann er bei der nächsten Begegnung deutlich schneller reagieren.
Dieses Prinzip bildet übrigens auch die Grundlage von Impfungen.
Das Immunsystem arbeitet nie alleine
Ein wichtiger Punkt, den viele überraschen mag ist, dass das Immunsystem nicht isoliert arbeitet. Es steht in ständigem Austausch mit anderen Körpersystemen, insbesondere mit dem Nervensystem, dem Hormonsystem und dem Darm. Diese Verbindungen erklären viele Beobachtungen, die ich auch in meinem Praxisalltag immer wieder mache.
Stress und Infekte als häufige Kombination
Viele meiner Klientinnen und Klienten berichten, dass ihre Infekte genau in stressreichen Lebensphasen auftreten. Phasen von erhöhtem beruflichen Druck, eine längere Zeit die von emotionaler Belastung geprägt ist oder auch eine Kombination aus wenig Schlaf, hoher Arbeitsbelastung und fehlenden Erholungsphasen, sind dabei oft ausschlaggebend. Auf jeden Fall meistens dann, wenn man einen solchen Infekt ganz sicher nicht gebrauchen kann. Wenn ich dann nachfrage, wann denn ein besserer Zeitpunkt wäre um krank zu sein, bleibt es oft still und die erste Ursache ist dann meistens schon gefunden.
Physiologisch ist das gut erklärbar. Bei Stress werden vermehrt Hormone, wie Cortisol und Adrenalin, ausgeschüttet. Kurzfristig können diese Hormone sogar leistungssteigernd wirken. Bleibt der Stress jedoch über längere Zeit bestehen, verändert sich die Regulation des Immunsystems. Bestimmte Abwehrreaktionen werden gedämpft, während andere Prozesse verstärkt werden können. Dadurch kann die Fähigkeit des Körpers, Krankheitserreger effizient zu bekämpfen, massiv beeinträchtigt werden.
Ein typisches Muster, das vermutlich einigen bekannt vorkommt ist, dass sie krank werden, sobald eine stressige Phase ihren Höhepunkt erreicht oder dann gerade vorbei ist.
Schlaf ist ein zentraler Faktor für das Immunsystem
Ein weiterer Aspekt, der in der Praxis sehr häufig eine Rolle spielt, ist der Schlaf. Viele Menschen unterschätzen, wie stark Schlaf mit der Immunfunktion verbunden ist. Während der Nacht laufen im Körper wichtige Regenerationsprozesse ab.
Im Schlaf werden unter anderem:
- bestimmte Immunbotenstoffe freigesetzt
- Gedächtnisprozesse des Immunsystems stabilisiert
- Entzündungsprozesse reguliert
Bereits wenige Nächte mit zu wenig Schlaf können messbare Auswirkungen auf das Immunsystem haben. In Gesprächen mit meinen Klientinnen und Klienten zeigt sich oft, dass wiederkehrende Infekte mit längeren Phasen schlechten Schlafs zusammenfallen.
Der Darm als zentrales Immunorgan
Ein besonders grosser Teil unseres Immunsystems befindet sich im Darm. Schätzungsweise sind rund 70 Prozent der Immunzellen im Bereich des Darms angesiedelt und spielen mit ihren antikörperproduzierenden Zellen, eine entscheidende Rolle bei der effektiven Abwehr von Krankheitserregern.
Dort stehen sie in engem Kontakt mit der Darmflora, also den Milliarden von Mikroorganismen, die unseren Darm besiedeln.
Diese Mikroorganismen erfüllen wichtige Funktionen:
- Sie trainieren das Immunsystem.
- Sie beeinflussen Entzündungsprozesse.
- Sie unterstützen die Schleimhautbarriere.
In meiner Praxis fällt mir häufig auf, dass Menschen mit wiederkehrenden Infekten auch über Verdauungsprobleme berichten, zum Beispiel Blähungen, ein empfindlicher Darm oder Veränderungen der Verdauung.
Das bedeutet nicht automatisch, dass der Darm immer die Ursache ist. Es zeigt jedoch, wie eng diese Systeme miteinander verbunden sind.
Fieber ist ein Symptom, das oft missverstanden wird
Fieber gehört zu den natürlichen Abwehrmechanismen unseres Körpers einfach dazu. Die erhöhte Körpertemperatur verändert das Milieu im Körper und kann die Aktivität bestimmter Immunzellen steigern. Gleichzeitig vermehren sich viele Krankheitserreger bei höheren Temperaturen schlechter.
In meiner Praxis erlebe ich häufig, dass Menschen sich bei mir melden, weil sie sehr verunsichert sind, wenn Fieber auftritt. Oft kann ich Entwarnung geben, da moderates Fieber zunächst eine sinnvolle Reaktion des Körpers ist. Natürlich gibt es Situationen, in denen Fieber ärztlich abgeklärt werden sollte, doch grundsätzlich zeigt Fieber vor allem, dass das Immunsystem aktiv arbeitet.
Wenn das Immunsystem ständig gefordert ist
Viele meiner Klientinnen und Klienten merken mit der Zeit, dass ihr Körper immer mehr Mühe hat, wieder in ein stabiles Gleichgewicht zu kommen. Dabei geht es nicht unbedingt um die einzelnen Symptome. Ich analysiere in so einem Fall das wiederkehrende Muster, das sich über Monate oder Jahre zeigt. Daraus kann man sehr gut ableiten, in welchem Zustand das Immunsystem tatsächlich ist.
Ein einzelner Infekt ist völlig normal. Behandlungsbedürftig wird es erst, wenn der Körper scheinbar immer wieder an seine Grenzen kommt.
Gesundheit bedeutet Regulation
Ein wichtiger Gedanke, der sich in der ganzheitlichen Medizin immer wieder zeigt ist, dass Gesundheit häufig weniger von einzelnen Faktoren abhängt. Es geht dabei viel mehr um die Regulationsfähigkeit des Körpers.
Ein gut reguliertes Immunsystem kann:
- auf Krankheitserreger reagieren
- Entzündungsprozesse kontrollieren
- nach einer Aktivierung wieder in einen stabilen Zustand zurückkehren
Wenn diese Regulation aus dem Gleichgewicht gerät, können unterschiedliche Probleme entstehen, wie bspw. eine erhöhte Infektanfälligkeit, übermässige Entzündungsreaktionen, aber auch Autoimmunerkrankungen.
Die Perspektive aus meiner Praxis
In meiner Praxis für ganzheitliche Gesundheit zeigt sich immer wieder, dass Menschen mit wiederkehrenden Infekten selten nur ein einzelnes Thema beschäftigt.
Oft spielen mehrere Faktoren gleichzeitig eine Rolle, zum Beispiel:
- anhaltende Stressbelastung
- Schlafprobleme
- hormonelle Veränderungen
- ein empfindlicher Darm
- lange Phasen körperlicher oder emotionaler Erschöpfung
Deshalb versuche ich in nicht nur einzelne Symptome zu betrachten, sondern den Körper als zusammenhängendes System zu verstehen. Das bedeutet nicht, dass jede Beschwerde eine komplexe Ursache haben muss. Aber es kann hilfreich sein, die verschiedenen Einflussfaktoren im Körper gemeinsam anzuschauen. Gerade das Immunsystem reagiert sehr sensibel auf Veränderungen in anderen Körpersystemen.
Meine Message für DICH
Das Immunsystem ist kein isoliertes Verteidigungssystem, sondern Teil eines komplexen Netzwerks im Körper.
Es steht in enger Verbindung mit:
- dem Nervensystem
- dem Hormonsystem
- dem Schlaf
- dem Darm
- unserem Lifestyle
Viele Beschwerden entstehen nicht durch einen einzelnen Faktor, sondern durch Veränderungen in der Regulation verschiedener Systeme.
Eine ganzheitliche Betrachtung kann helfen, diese Zusammenhänge besser zu verstehen. Damit erhält man die Chance, den Körper wieder, als ein fein abgestimmtes System, zu sehen, das bestrebt ist, Gleichgewicht zu halten.



