Der erste Public Health Index 2025 ist da und damit auch ganz viele Herausforderungen.
Nicht übertragbare Krankheiten, vor allem Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes, Krebs und Adipositas, gehören heute zu den grössten gesundheitlichen und wirtschaftlichen Herausforderungen Europas. Sie entstehen nicht über Nacht und nicht durch Ansteckung, sondern durch ungesunde tägliche Gewohnheiten, die sich über Jahre kumulieren.
Genau hier setzt der Public Health Index 2025 an. Mit diesem Index wird sichtbar, wie viel, oder wie wenig, europäische Länder tun, um Gesundheit überhaupt erst möglich zu machen.
Public Health Index 2025 (PHI)
Der PHI ist ein Instrument, das untersucht, wie gut europäische Staaten, wissenschaftlich empfohlene Präventionsmassnahmen in die Tat umsetzen.
Bewertet werden dabei vier zentrale Bereiche:
- Tabak
- Alkohol
- Ernährung
- Bewegung
Diese Bereiche sind entscheidend, weil sie den grössten Einfluss auf die Entstehung dieser nichtübertragbaren Krankheiten haben. Der PHI vergleicht dazu 18 europäische Länder, darunter auch die Schweiz. Er zeigt, wo Prävention konsequent umgesetzt wird und wo nicht.
Die Schweiz als Schlusslicht
Die Schweiz hat ein hervorragendes Gesundheitssystem. Der PHI zeigt aber klar, was wir eigentlich schon lange wissen, sie investiert zu wenig in gesundheitsfördernde Rahmenbedingungen.
Die Ergebnisse überraschen mich persönlich tatsächlich nicht. Die Schweiz landet auf Rang 18 von 18 Ländern, mit gerade einmal 32,4 von 100 Punkten. Sie gehört damit zu den Schlusslichtern Europas.
Der gesamte DACH-Raum schneidet übrigens schlecht ab. Der PHI hält klar fest, dass Deutschland, Österreich und die Schweiz in keinem der Bereiche das obere Mittelfeld erreichen und besonders wenige der empfohlenen Massnahmen umsetzen. Das sagt glaube ich schon vieles über die jeweiligen Länder aus.
«Im DACH-Raum werden dieser Analyse zufolge besonders wenige der empfohlenen Maßnahmen zur Förderung gesunder Lebensweisen umgesetzt. Die größten ungenutzten Potenziale liegen in Maßnahmen der Verhältnisprävention zur Förderung gesunder Ernährung sowie zur Eindämmung des Konsums von Tabak und Alkohol.»
– Public Health Index 2025
Was heisst das konkret?
Es bedeutet, dass wir in der Schweiz:
- kaum wirksame Massnahmen gegen Tabakkonsum umsetzen
- in der Alkoholpolitik international weit zurückliegen
- sehr wenige verbindliche Standards für eine gesunde Ernährung haben
- und zu wenig tun, um Bewegung im Alltag zu fördern.
Diese Defizite bleiben weder für die Gesundheit der Bevölkerung, noch für die Gesundheitskosten folgenlos.
Die Schweiz ist übrigens das einzige Land im ganzen Vergleich, das sich nicht verbindlich an die WHO-Vorgaben für Tabakkontrolle gebunden hat. Die starke Präsenz internationaler Tabakkonzerne in der Schweiz, scheint somit politisch mehr Gewicht zu haben als verbindliche Schritte zum Schutz der Gesundheit.
Kostenexplosion weil Prävention fehlt
Der PHI macht deutlich, dass Prävention kein „nice to have“ ist, sondern ein realer und überaus wichtiger Hebel, der entscheidet, wie gesund eine Gesellschaft altert und wie tragfähig ein Gesundheitssystem bleibt. Denken wir daran, wir alle bezahlen monatlich unseren stetig steigenden Krankenkassen-Beitrag. Dennoch ist es eigentlich nicht so, dass die Gesellschaft immer kränker wird, eher geht es um die fehlende Möglichkeit einer guten Prävention, speziell auch für Menschen mit wenig finanziellen Mitteln.
Wenn wir also Prävention verschlafen, zahlen wir später doppelt, mit unserem Leben und mit unserem Geld.
Wenn Prävention wichtiger wird als Krankheit
In China hat Prävention traditionell einen höheren Stellenwert als die Behandlung von Krankheiten. Dort gilt bis heute der Grundgedanke, dass Gesundheit erhalten werden soll, damit Krankheit gar nicht erst entstehen kann. Ärztinnen und Ärzte werden nicht erst dann aktiv, wenn Menschen schon krank sind, sondern sie begleiten die Menschen mit präventiven Massnahmen, zur Erhaltung ihrer Gesundheit. Dieser Ansatz zeigt, wie stark sich ein Gesundheitssystem verändern kann, wenn nicht Symptome, sondern deren Ursachen im Zentrum stehen. Wenn Prävention an erster Stelle steht, sinkt die Krankheitsrate und die ganze Bevölkerung profitiert von mehr gesunden Lebensjahren.
Eigenverantwortung reicht nicht
Der PHI kritisiert klar, dass viele Länder zu stark auf Eigenverantwortung setzen und zu wenig auf wirksame Rahmenbedingungen.
Die Spitzenreiter machen vieles richtig:
- Sie schränken Werbung für ungesunde Produkte ein
- Sie haben klare Regeln zum Schutz von Kindern
- Sie besteuern gesundheitsschädliche Produkte stärker
- Sie schaffen eine gesündere Lebensmittelumgebung
Die Schweiz dagegen setzt zu viel auf Freiwilligkeit, wenn es um die Produktherstellung geht. Das führt in der Realität dazu, dass diese ungesunden Produkte mit bspw. übermässig Zucker, Fett und Salz, weiterhin uneingeschränkt beworben werden dürfen. Unverständlich, dass dies auch bei Kinderprodukten völlig legitim ist.
Erst kürzlich wurde in mehreren Zeitungsartikeln beklagt, dass es in der Schweiz immer wie mehr übergewichtige Kinder gibt. Doch niemand fragt, wo die Gründe dafür liegen. Vermutlich mal wieder bei zu wenig konsequenten Eltern.
Es ist doch mehr als klar, dass nicht immer fehlende Willenskraft das Problem ist, sondern eine Umgebung, die ungesunde Entscheidungen zu leicht und gesunde Entscheidungen zu schwer macht, besonders auch für Kinder.
Was wir von Chile lernen können
2014 gehörte Chile zu den Ländern mit den weltweit höchsten Adipositasraten. Gleichzeitig gilt dieses Land heute als eines der besten Beispiele dafür, wie konsequente Ernährungspolitik wirken kann. Das Land führte eine Softdrink-Steuer ein, verpflichtende Warnhinweise auf ungesunden Lebensmitteln und klare Beschränkungen für Werbung und Verkauf an Schulen. Innerhalb weniger Jahre sank der Anteil von stark zucker-, fett- und kalorienreicher Produkte deutlich. Kinder sahen bis zu 73 Prozent weniger Werbung für ungesunde Lebensmittel, und die Bevölkerung konsumierte spürbar weniger Zucker, Salz und Kalorien. Chile zeigt damit eindrucksvoll, wie ein Land die Basis für die Gesundheit einer ganzen Generation schaffen kann, wenn es klare Regeln setzt und das Ernährungsumfeld nachhaltig verändert.
Aus meinem Praxisalltag
Diese Erkenntnisse decken sich 1:1 mit dem, was ich täglich in meiner Praxis erlebe. Viele Menschen kommen zu mir mit Symptomen, die sich über Jahre kumuliert haben. Sie fragen sich, warum ihr Körper „plötzlich“ nicht mehr funktioniert.
Es ist hier wichtig zu verstehen, dass Krankheit ein Prozess ist und nicht ein Ereignis aus heiterem Himmel.
Die Prävention setzt also sehr viel früher an.
- Menschen haben den Wunsch, gesünder zu leben, wissen aber nicht, wo sie beginnen sollen. Die überfüllten Regale im Einkaufsladen, mit potenziell gesunden Produkten machen dies nicht gerade einfacher.
- Sie sind überfordert mit widersprüchlichen Informationen und einer Lebensmittelindustrie, die gesund klingende Produkte verkaufen darf, ohne dass dies der Wahrheit entspricht. Es ist immer dasselbe Spiel, die Werbung zeigt glückliche und gesunde Menschen und vermittelt damit einen völlig falschen Reiz.
- Viele leiden unter Stress, Zeitdruck und einem Umfeld, das es schwer macht, gesunde Routinen zu etablieren.
Ich sehe es sehr deutlich, wie gross der Unterschied sein könnte, wenn Prävention umfassender und ganzheitlicher wäre. Wenn Menschen nicht erst dann Unterstützung bekommen würden, wenn Beschwerden schon eskalieren. Der PHI zeigt schwarz auf weiss, dass es dafür nicht nur individuelles Wissen braucht, sondern politische Rahmenbedingungen, die Gesundheit erleichtern, statt noch schwerer machen.
Warum Prävention bei DIR beginnt
Der PHI zeigt grosse Lücken auf politischer Ebene, aber gleichzeitig zeigt er auch, wie viel wir selbst für unsere Gesundheit tun können.
Die Wissenschaft ist sich schon lange einig, dass kleine, konsequente Veränderungen im Alltag, Krankheiten verhindern können, das Energielevel erhöhen können und die Lebensqualität massiv verbessern können.
Prävention ist kein Luxus, sondern eine Investition in deine Zukunft. Und auch wenn Politik und Industrie in den nächsten Jahren gefordert sein werden, können wir selbst schon heute damit beginnen, bewusst zu essen, uns regelmässig zu bewegen, Stress zu reduzieren und unseren Körper ganzheitlich zu stärken.
Wer Verantwortung für seine Gesundheit übernimmt, gewinnt jeden Tag ein Stück Lebensqualität zurück, davon bin ich zutiefst überzeugt und das ist genau das, was ich täglich in meiner Praxis erleben darf.
- Public Health Index 2025 (AOK Bundesverband & DKFZ), PDF:
2025_Public-Health-Index.pdf



