Steht Deine Leiter an der richtigen Wand?

Geschrieben von Miriam Meister

4. August 2022

Aus meinem Praxisalltag

Lisa war meine erste stark untergewichtige, junge Klientin.

Wie ich es immer tue, sandte ich auch Lisa vorgängig meinen Fragebogen zum Ausfüllen zu. Sie war noch ein Teenager und wie es diesbezüglich häufig der Fall ist, würde ein Elternteil, diesen Fragebogen ausfüllen. Mir ging es aber um sehr viel mehr als nur darum, dass ich einige Angaben zu meiner neuen Klientin erhielt. Deshalb bat ich die Mutter, Lisa selbst diesen Fragebogen ausfüllen zu lassen. Lisa machte Ihre Arbeit sehr genau, liess aber interessanterweise die Zeilen für Gewicht und Grösse aus.

In meinen Beratungen ist es mir wichtig, genau solche kleinen Hinweise, nicht zu übersehen. So zentral das Thema Untergewicht bei Lisa war, so unwichtig schien es ihr zu sein, mir genaue Angaben zu liefern, damit ich mich gut vorbereiten konnte. Warum? War es ihr peinlich, wollte sie sich einfach nicht damit auseinandersetzen, wollte sie mir zeigen, dass es nun einfach mal genug war oder erschien es ihr einfach nicht wichtig? Diese Fragen galt es nun beim vereinbarten Termin zu klären.

Lisa kam in Begleitung Ihrer Mutter zu mir in die Praxis und war sichtlich alles andere als motiviert. Ich war ebenfalls sehr erstaunt darüber, dass sie tatsächlich noch schlanker war, als ich es mir vorgestellt hatte.

Kaum haben die beiden Platz genommen, begann die Mutter mir zu erzählen, dass sie schon bei etlichen Ernährungsberatern gewesen wären, ohne dass sich ein nachhaltiger Erfolg eingestellt hätte. Sie habe unter Zwang lediglich ein paar wenige Kilos zugenommen und diese dann auch bald wieder verloren. Die psychologische Therapie komme aktuell auch nicht vom Fleck. 

Als ich nun mit Lisa begann zu arbeiten, wurde mir schnell klar, dass es hier nicht um ein Ernährungsthema ging. Dies ist übrigens generell bei Essstörungen selten in diesem Bereich zu suchen. Ich liess also bewusst alle Fragen und Bemerkungen weg, welche in irgendeiner Weise dieses Thema triggerten. Denn die Therapeuten, welche zuvor bereits gute Arbeit geleistet hatten, haben Lisa das Thema Ernährung in unterschiedlichster Weise bereits genaustens erläutert. Ich musste Lisa also nichts über Ernährung erzählen, denn Menschen mit dieser Essstörung wissen sehr genau, was, wie und wann sie essen und machen dies äusserst diszipliniert. Die Blockade besteht nicht körperlich, sondern mental.

Ein anderer Ansatz war also gefragt, nur welcher? Die Tatsache, dass ein Gefühl und die darauffolgende Handlung niemals die Ursache ist, sondern immer das Ergebnis aus einer Reihe von Erfahrungen, forderte konkret nach einer ganzheitlichen Betrachtungsweise.

Wie Stephen Covey bereits richtig festgestellt hat:

«Stufen auf der Leiter zu erklimmen nützt nichts, wenn die Leiter an der falschen Wand steht.»

Manchmal besteht die Kunst einfach darin, in Ruhe zu schauen, an welcher Wand man die Leiter am besten platzieren sollte. Erst dann macht es Sinn, sich an die Arbeit zu machen und Stufe für Stufe zu erklimmen.

Genau dieser Ansatz, führte Lisa nach und nach aus der Magersucht hinaus. Es dauerte seine Zeit, bis die Leiter an der richtigen Wand stand. Das Erklimmen der Stufen geschah dann aber beinahe ganz von selbst.

Versichere Dich immer wieder, dass Deine Leiter an der richtigen Wand steht, bevor Du auch nur daran denkst, die Stufen der Leiter zu erklimmen.

Deine Miriam Meister

 *Herzlichen Dank liebe Lisa, dass ich diesen Beitrag über Dich schreiben durfte. Name der Klientin geändert.

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